Studieren in Riga
Jasmin Rihner, Austauschsemester in Riga (HS 2025)
Vorbereitung
Die Vorbereitungen für mein Auslandssemester in Riga verliefen dank meiner Fachkoordinatorin an der UZH grösstenteils reibungslos. Ich hatte sie bereits frühzeitig darüber informiert, dass ich im Sinne habe, ein Auslandssemester zu machen. Sie hat mich dann über alle Fristen informiert und der Bewerbungsprozess war für mich meist unkompliziert. Eine kleine Schwierigkeit war, dass ich gewisse Unterlagen doppelt einreichen musste – einmal bei der UZH und dann einige Wochen darauf bei der Gastuniversität, der University of Latvia. Dies mag daher rühren, dass ich die erste Person war, die den neuen Vertrag zwischen der UZH und der University of Latvia in Anspruch genommen hat. Abgesehen von diesen administrativen Prozessen habe ich im Semester vor meinem Auslandssemester sowie in der vorlesungsfreien Zeit an meinen Russischkenntnissen gearbeitet. Da ich Slavische Sprach- und Literaturwissenschaften studiere und diese Studienrichtung in Riga vorwiegend auf Russisch unterrichtet wird, war es für mich grundlegend, meine Sprachkenntnisse vor der Abreise nochmals zu vertiefen und aufzufrischen. Hierzu besuchte ich im vorherigen Semester weiterhin meinen Russischkurs und versuchte zudem, mehr russischsprachige Inhalte in meiner Freizeit zu konsumieren, beispielsweise Podcasts.
Zimmersuche/ Wohnen
Ich wurde von der Gastuniversität frühzeitig darüber informiert, dass die Universität ihr eigenes Wohnheim hat und empfiehlt, sich dort für ein Zimmer zu bewerben. Ich habe mich ausserdem über die Webseite der Universität über andere Wohnmöglichkeiten informiert und habe mir Inserate für Zimmer in Wohngemeinschaften angeschaut. Aus Preisgründen habe ich mich schlussendlich doch für ein Zimmer im Wohnheim entschieden. Ausserdem war ich offen für eine neue Erfahrung, da ich zuvor noch nie in einem Wohnheim gelebt hatte. Lange überlegte ich, ob ich mich für ein Einzel- oder Doppelzimmer bewerben sollte und entschied mich schlussendlich für letzteres. Sobald ich die definitive Bestätigung der Gastuniversität hatte, schickte ich also meine Bewerbung für das Wohnheim ein und erhielt einige Wochen darauf auch hierfür eine Bestätigung. Ich musste mein definitives Anreisedatum noch um einige Tage ändern und schrieb dem Wohnheim daher etwa einen Monat vor meiner Anreise noch eine Mail, erhielt darauf aber nie eine Antwort. Ich war daher vor meiner Anreise ein wenig nervös, als ich dann aber an der Rezeption des Wohnheims stand, schien dies nicht wichtig zu sein. Ich erhielt, wie gewünscht, einen Platz in einem Doppelzimmer. Neben einem Doppelzimmer liegt in diesem Wohnheim immer noch ein Einzelzimmer, mit dem man sich ein Abteil mit Dusche und Toilette teilt. Beide meine Mitbewohnerinnen schienen auf den ersten Eindruck sehr sympathisch – und glücklicherweise hat sich dieser Eindruck bis zum jetzigen Zeitpunkt gehalten. Problematisch für mich waren hingegen die Hygienezustände im Wohnheim: Unsere Zimmer wurden vor unserer Anreise scheinbar nicht gereinigt, es lagen viel Staub und Haare am Boden, wir fanden gar einige tote Insekten. Die Küche, die vom gesamten Stockwerk gemeinsam genützt wird, wurde von anderen Bewohnenden regelmässig in einem unbenutzbaren Zustand zurückgelassen und die Reinigungsarbeiten seitens des Wohnheims waren leider nur rudimentär. Ausserdem hörten wir schnell von anderen Bewohnenden, dass es in einigen Zimmern ein Problem mit Kakerlaken gibt. Auch wir sahen ab und zu Kakerlaken – vor allem im Wäscheraum im Keller, selten gar in unserem Zimmer. Mehrere Male während meines Aufenthalts mussten Bewohnende bestimmter Stockwerke – einmal auch des ganzen Wohnheims – ihre Zimmer evakuieren, damit Insektizide in die Zimmer gesprüht werden konnten. Das Personal des Wohnheims war leider meistens auch nicht sehr hilfreich und die meisten Mitarbeitenden sprachen nur wenig Englisch, weswegen es schwierig war, etwas kompliziertere Sachverhalte zu vermitteln. Insgesamt brachte mir das Wohnen im Wohnheim allerdings viele Geschichten, die ich meiner Familie und Freunden zuhause erzählen konnte und ich versuchte, die Umstände wann immer möglich humorvoll zu verarbeiten. Ich glaube auch, dass mich diese Erfahrungen einiges in Sachen Selbständigkeit und Problemlösung gelehrt haben.
Universität
Die Universitätsgebäude der University of Latvia sind recht klar nach Fakultäten eingeteilt. In meinem Fall fand der Unterricht also ausschliesslich an der Faculty of Humanities statt. Das Gebäude ist definitiv in die Jahre gekommen, uns wurde auch zu Beginn gesagt, dass die Universität schon einige Jahre an einem neuen Gebäude für die Geistes- und Sozialwissenschaften arbeitet. Als die Tage langsam kälter wurden, wurde mir das Alter des Gebäudes erst richtig bewusst, da es in den Unterrichtsräumen teilweise so kalt wurde, dass die meisten Studierenden in ihren Jacken dasassen. Der Unterricht war meist spannend und die Dozierenden wirkten engagiert. Jedoch gab es für mehrere meiner Fächer keinen übersichtlichen Semesterplan, sodass ich teilweise mehrmals nachfragen musste, wann und wie unsere Prüfungen am Ende des Semesters verlaufen werden. Bei einigen meiner Fächer wirkte der Unterricht insgesamt etwas chaotisch, beispielsweise fielen Kurse spontan aus oder wurden an anderen Tagen nachgeholt, sodass sie sich dann teilweise mit anderen Kursen überschnitten. Die Universität verfügt über ein Portal, das dieselben Funktionen wie OLAT abdecken sollte, allerdings haben viele meiner Dozierenden ihre Präsentationen und andere Unterlagen nicht regelmässig oder überhaupt nicht dort hochgeladen. Dies führte dazu, dass ich sie jeweils per Mail danach fragen musste, mir die Präsentationen zu schicken, wenn ich beispielsweise krankheitsbedingt nicht am Unterricht teilnehmen konnte. Ein aus meiner Sicht positiver Punkt war, dass die Dozierenden der Russistik darauf achteten, ihre Kurse auch für uns internationalen Studierenden zugänglich zu machen. Da sich die Kurse in erster Linie an Russisch-Muttersprachler:innen richten, gaben sie uns weniger oder leicht abgeänderte Aufgaben, damit wir zwar auch mit dem Kursmaterial arbeiten und unsere Sprachkenntnisse verbessern konnten, aber nicht überfordert waren. Ausserdem waren sämtliche Dozierende sehr gut per Mail erreichbar, sodass man problemlos Fragen stellen konnte.
Freizeit
Riga ist eine sehr lebendige Stadt, in der es immer etwas zu tun gibt. Ausserdem arbeitet die Universität eng mit dem hiesigen Erasmus Student Network (ESN) zusammen, sodass es jede Woche grösstenteils kostenlose Veranstaltungen und Ausflüge gab, an denen alle Studierenden teilnehmen konnten. Dies machte es sehr einfach, andere Studierende kennenzulernen, besonders diejenigen, die auch gerade ihr Auslandsemester angefangen hatten. Es war etwas schwieriger, Kontakt zu einheimischen Studierenden zu knüpfen, doch das ESN bot auch hier in Zusammenarbeit mit den städtischen Universitäten eine Möglichkeit an, sich für ein «Buddy-System» anzumelden und so einer oder einem lettischen Studierenden zugeteilt zu werden, die oder der dann für Fragen oder auch gemeinsame Aktivitäten verfügbar ist. Ich habe mich hierfür angemeldet und hatte bereits am Tag meiner Anreise den ersten Kontakt zu meinem Buddy, der mir dann auch im Laufe des Semesters immer wieder Fragen beantwortete, Veranstaltungstipps gab und auch einige Male mit mir und meinen Mitbewohnerinnen auf Ausflüge in umliegende lettische Ortschaften kam. Diese Ausflüge in ländlichere Regionen, besonders im Herbst, als die Blätter langsam orange und gelb wurden, waren für mich Highlights meines Aufenthalts. Lettland hat ein recht gutes und günstiges öffentliches Verkehrsnetz, sodass man vor allem mit dem Zug sehr unkompliziert Tagesausflüge unternehmen kann. Besonders empfehlen als Ziele solcher Tagesausflüge würde ich Sigulda, Cēsis und Ogre. In Riga selbst genoss ich es besonders, möglichst viele verschiedene Restaurants und Cafés auszuprobieren. Ich habe hierfür eine Liste mit Orten angelegt, die ich bereits besucht habe und welchen, die ich noch besuchen möchte. Die Liste wächst immer noch weiter und ist für mich auch ein Grund, bestimmt noch einmal zurück nach Riga zu kommen, wenn mein Aufenthalt beendet ist. Auch genossen habe ich es, dass Geschäfte hier meistens längere Öffnungszeiten haben als in der Schweiz und grösstenteils auch sonntags geöffnet sind. Ausserdem habe ich oft und gerne kulturelle Veranstaltungen besucht und viele davon, darunter Konzerte und Filmvorführungen, waren sogar kostenlos. Generell ist Riga eine sehr studierendenfreundliche Stadt, was sich auch an den vielen Vergünstigungen für Studierende zeigt.
Fazit
Ich bin insgesamt sehr zufrieden mit meinem Aufenthalt. Ich war bereits vor meinem SEMP-Auslandssemester einmal in Riga und wusste daher schon, dass mir die Stadt sehr gut gefällt und ich gerne noch mehr Zeit hier verbringen würde. In erster Linie habe ich Riga aber gewählt, um meine Russischkenntnisse zu verbessern. Auch dies ist meiner Meinung nach definitiv gelungen, vor allem, weil ich meinen eigenen Fähigkeiten nun mehr vertraue, da ich beispielsweise vor Muttersprachler:innen Präsentationen gehalten habe und auch im Alltag mehrere Interaktionen auf Russisch hatte, die reibungslos verlaufen sind. Generell finde ich die Sprachsituation in Lettland sehr spannend, da sowohl Lettisch als auch Russisch von grossen Teilen der Bevölkerung als Erstsprache gesprochen werden, jedoch auch Englisch weit verbreitet ist, da zwischen lettisch- und russischsprachigen Menschen teilweise nur begrenzte Kommunikation möglich ist. Ich habe während meines Aufenthalts auch einen Lettisch-Sprachkurs besucht. Für mich als sprachenbegeisterte Person war dies eine aussergewöhnliche Möglichkeit, da es in der Schweiz nur vereinzelt möglich ist, einen Lettisch-Grundkurs zu besuchen. Ausserdem würde ich sagen, dass sich durch die Auseinandersetzung mit sowohl einheimischen Menschen als auch anderen internationalen Studierenden meine interkulturellen Kompetenzen spürbar verfeinert haben. Nicht zuletzt war es insgesamt sehr eindrücklich für mich, ein akademisches Umfeld im Ausland zu erleben und Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten zu meiner Heimuniversität wahrzunehmen. Ich bin überzeugt, dass mir diese Erfahrung noch sehr lange bleiben wird.